Zum dritten Vortrag in der Reihe „Alles Buch“ stellte Leander Wattig, derzeit Lehrbeauftragter an der HTWK in Leipzig, seine Sicht zu „Buch 2.0 – Die Zukunft des Buches in der digitalen Welt“ vor. Mit weitsichtiger Beobachtung der Entwicklungen der letzten Jahre macht er auf ein nahe an der Zukunft existierendes Phänomen aufmerksam, das in der Branche bisher noch nicht ausreichend genug beachtet wird. Ein Bericht von Doreen Kühne
Über die traditionelle Vorstellung vom Buch als materiellen Träger von Wissen tastete sich Wattig an das Thema heran, um es den zahlreich erschienenen Besuchern näher zu bringen. Angefangen bei Sprache und Schrift bis hin zum Buchdruck führte er die immer größer werdende Reichweite in der flexibleren Verbreitung der Inhalte an. Mit dem Internet seit den 1990er Jahren habe sich dies nun allerdings grundlegend gewandelt. Aber wie? Die Antwort liege bei breiten Zugängen zur Öffentlichkeit, was deutlich für den Erfolg dieses neuen Mediums spreche, da der kommunikative Austausch zwischen den Menschen durch die Möglichkeit der rasanten Übertragung und Veröffentlichung von Inhalten im World Wide Web unbegrenzt sei.
Merkmale dieser Entwicklung, nach Wattig, sind das zunehmende Vertrauen zu Gleichgesinnten beispielsweise in Communities, die Nutzung von zahlreichen Plattformen und die Herausforderung für Unternehmen hochwertige Inhalte zu erstellen und auch zu distribuieren. Social Media Marketing als eine Möglichkeit Online-Marketing zu betreiben heißt das Zauberwort! Dabei sind die User als wichtigster Faktor der heute stattfindenden Entwicklung zu betrachten. Persönliche Profile, substantielle Mitteilungen und das Ziel, die Menschen zu erreichen um ihnen etwas zu verkaufen, spielen eine immer tragendere Rolle für die Unternehmen, die in dieser Zeit des Umbruches am Ball bleiben wollen.
Der Vorteil des digitalen Buches bestehe bereits jetzt in der oft kostenlosen und unendlichen Verfügbarkeit bei gleicher Qualität des dargebotenen Contents. Und der wirtschaftliche Zugewinn für die Branche bestehe in der knappen Verfügbarkeit von Gütern, in diesem Fall von Inhalten, die am Beispiel spezieller aufwendige gestalteter Editionen aufgezeigt wurde. Andererseits können aufbereitete Informationen ebenso gut durch einen Dienstleister erstellt werden. Sei es die limitierte Sonderausgabe eines Perry Rhodan oder ein Book-on-demand aus einer Espresso Book Machine.
Doch wo führt all dies hin? Dass sich die Form des analogen Mediums Buch, so wie wir es noch kennen, verändern wird und welche Bezeichnung jene digitale Neuschöpfung erhalten wird, ist bisher nur erahnbar. Das treffende Zitat des Referenten: „Wir befinden uns in einer Übergangsphase!“, die im Moment allein die Betrachtung nur aus der traditionellen Sicht bedingt und ein Verstehen schwierig gestaltet. Doch die Neuerungen im Werden eines Buches von der Idee zum fertigen Exemplar scheinen revolutionär. Denn wer könnte sich vorstellen Teile davon im Internet von potentiellen Lesern vor der Veröffentlichung über einen Verlag kommentieren zu lassen, um schon kurze Zeit später eine überarbeitete Auflage zu präsentieren? Die Möglichkeiten des virtuellen Netzes fordern geradezu die Fantasie der Nutzer heraus.
Aber auch umgekehrt können Unternehmen vom Buch 2.0 profitieren und sich auf dem Markt etablieren. Wie Kindle oder Pixel Qi lässt man die derzeitige Entwicklung nicht an sich vorüberziehen, sondern beteiligt sich aktiv mit innovativen Ideen an einer Mitgestaltung. Was noch in den Kinderschuhen steckt wird größer und wird zum Wegbereiter für neue Mehrwerte an einem E-Book, wie die betrachtbare Bildschirmoberfläche bei starkem Sonnenschein. Nicht zu kurz darf dabei die Anpassung der bestehenden Buchform an die elektronischen Geräte kommen. Denn wer gern während des Lesens in einem Buch blättert, sich aber bei einem E-Book mühselig durch die sich langsam aufbauenden Seiten quälen muss, wird bei der bewährten Codexform verbleiben.
In einem abschließenden Fazit griff Wattig die wesentlichen Punkte des sich vollziehenden Medienwandels aus seinem Vortrag auf, um deutlich zu machen, dass wir uns an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter befinden, in dem wir mehrere Medien je nach Zweck nebeneinander verwenden und andere Medienformen zugunsten anderer zurücktreten werden. Dies wurde auch in der sich anschließenden Diskussion weiterführend aufgegriffen. So sind Unternehmen auch wenn sie im Moment nur außerhalb der buchbezogenen digitalen Entwicklung stehen, doch grundsätzlich an ihr interessiert. Auch werden Bücher in materieller Form weiterhin einen gewissen Wert besitzen, aber anders als früher in Ihrer Entstehung andere Wege zu durchlaufen haben. Neben Verlagen werden zukünftig mehr und mehr branchenfremde Beteiligte als Publisher auftreten, die Buch 2.0 neue Impulse geben werden. Was für die Verlage existentiell bleiben wird, sind die Einnahmequellen über zum Teil kostenpflichtige Inhalte im Netz, so die Schlussanmerkung von Wattig.
Links:
- Bilder und Slides
- Bericht bei textundblog
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