Single Source Publishing ist in aller Munde. So auch in dem von Hans Anschütz, einem der Gründer von Acolada, einem Wörterbuch- und Datenstrukturierungsunternehmen aus Nürnberg. In Erlangen berichtete er bei “Alles Buch”, wieso sein Unternehmen trotz Krise(n) Geld verdient. Ein Kommentar von Dennis Schmolk
Unter “Single Source Publishing” (SSP) versteht man Techniken und Methoden, um aus einer Datenquelle mehrere “konsumierbare” Endprodukte zu generieren. Das heißt praktisch: Grundlage aller modernen SSP-Projekte sind Datenbanken in elektronischer Form. Laut Anschütz ist das zentrale Format im Verlagsbereich XML. Acolada bietet neben einer Wörterbuchsoftware (nur für Windows, proprietär) daher vor allem Datenbanken an, von juristischen bis zu handwerklichen und medizinischen Wörterbüchern, die auf dieser Software aufbauen. Sofern gedruckte Werke gewünscht sind, verringert der Ansatz strukturierter Datenbanken sowohl den Aufwand wie auch die Kosten für den Kunden Acoladas: Automatisiert und schnelle, also mit geringstmöglichem manuellem Aufwand, entsteht eine druckfertige Datei, die dann z.B. bei einem Printing-On-Demand-Service oder einer Druckerei in ein Buch verwandelt wird.
Vorteil des Verfahrens, Daten erst zu strukturieren und dann die entstandene Datenbank weiter zu verwenden, um Bücher, aber auch Webprojekte, Wikis etc. zu speisen, ist vor allem der reduzierte Aufwand. Anstatt jedes Werk (also seine Rohdaten) nach seinem zukünftigen Layout – also auf einer Darstellungsebene – zu strukturieren, werden die Ausgangsdaten vereinheitlicht. Damit erspart sich der Kunde des Datenstrukturierers weitere Schritte der Anpassung für andere Verwertungsformen des Contents – heute und in Zukunft. Die Digitalisierung steht an ihrem Anfang, und wer weiß, welche Möglichkeiten ein Verwerter sinem Kunden künftig anbieten möchte. Die Nachteile sind klar: Aktuell ist keine Maschine in der Lage, Daten, die auf Darstellungsebene verwaltet wurden, in eindeutige, einheitlich strukturierte Datenbanken zu überführen. Also liegt der Aufwand beim Autor oder der Verlagsredaktion, die die Daenbanken vor Fertigstellung zusammensetzt.
Viele der “Datenlieferanten” von Fach-, Sach- und Wissenschaftswerken sind zwar als Experten unverzichtbar, wollen oder können aber den Formatierungsaufwand nicht leisten, der mit der Pflege einer einheitlichen Datenstruktur einhergeht. Zwar werden die Datenbanken nicht händisch in XML “programmiert” sondern per Editor erstellt, doch dies entbindet den Autoren nicht davon, das dahinterstehende Prinzip des Taggings und die Struktur der Sprache zu verstehen. Die Spezialisierung auf Fachbereiche – etwa Juridika und wissenschaftliche Wörterbücher – ist jedoch auch der Grund, weshalb Acolada (das Akronym steht wohl für A-COntent-LAnguage-DAta) unabhängig von wirtschaftlichen und Schaffenskrisen Geld verdient: Die freie Online-Konkurrenz und weitere wunde Stellen anderer Branchenbereiche sind schlicht kein Problem, weil Zeitersparnis und Qualitätsgarantie schwerer wiegen. Und weil Dienste wie Leo (http://dict.leo.org/) keine Übersetzungen für Fachsprache bereithält. Freilich bringt man sich dadurch auch um die Vorteile freier Projekte, etwa Korrekturaufwand, der von Communities übernommen wird.
Zentral ist also die (sinnvolle) Strukturierung von Daten bereits bei ihrer Erstellung oder Erfassung. Wer mit Office-Produkten wie MS Word oder OO Writer im wissenschaftlichen Bereich arbeitet, wird ein Lied davon singen können, dass eine einmal entstellte Syntax nicht sonderlich leicht wiederherzustellen ist. Leider sind Alternativen wie das freie Textsatzprogramm LaTeX gerade unter Geisteswissenschaftlern nicht sonderlich verbreitet. Auch in der Erlanger Buchwissenschaft – und das habe ich schon mehrfach kritisiert – setzt man lieber alternativlos auf ein “What-You-See-Is-What-You-Get”-System wie InDesign von Adobe als auf das wesentlich besser strukturierende LaTeX. Hier wird viel Potential verschenkt, junge Brancheneinsteiger bereits an strukturiertes Denken zu gewöhnen – wenigstens auf freiwilliger Basis.

[...] Zur Vortragsreihe Alles Buch der Erlanger Buchwissenschaft findet sich nun unter http://allesbuch.buchwissenschaft.net/ ein Weblog zur Dokumentation. Da u.a. ich die Vortragsreihe AB14 organisieren werde, kann man auch zwischen den Jahren (sprich: Semestern) auf Beiträge gespannt sein. Einen ersten habe ich bereits veröffentlicht: Disintermediation in der Buchbranche. [...]